Soziale Kompetenz durch personale Präsenz

Soziale Kompetenz durch personale Präsenz

 © Hubert Teml, Präsenz - Kompetenz - Stimmigkeit 2017

© Hubert Teml, Präsenz - Kompetenz - Stimmigkeit 2017

Lehrerinnen und Lehrer wirken mit ihrer ganzen Persönlichkeit. Insofern braucht es auch Arbeits- und Inszenierungsformen, welche die für die Lehrertätigkeit so wichtige Person der Handelndenschon in der Ausbildung in Szene setzen und präsent werden lassen.
So wichtig eine kognitiv fundierte methodische Ausrichtung der Lehrerbildung ist, tendiert die Universität von ihrem institutionellen Habitus her zu Intellektualismus und gelehrter Selbstdarstellung.
Für die Entwicklung der Kompetenz künftiger Lehrerinnen und Lehrer ist es jedoch unerlässlich, dieses traditionelle Setting im Sinne der Herausforderungen der ganzen Person der Studierenden zu erweitern...
— Rudolf Messner, 2001, S. 12.

Hubert Teml

SOZIALE KOMPETENZ DURCH PERSONALE PRÄSENZ
Überlegungen zu einem ganzheitlichen Aus- und Fortbildungskonzept für pädagogische Berufsfelder

Die folgenden Aussagen beziehen sich auf ein Aus- bzw. auch Fortbildungskonzept für pädagogische Berufe, das ich hier grafisch darstelle und in knapper Form zu beschreiben versuche. Dabei weise ich besonders auf den Hintergrund des Konzepts hin, das explizit Angebote zur Persönlichkeitsförderung vorsieht.

Die Förderung von sozialer Kompetenz stellt ein zentrales Ziel in der Aus- und Fortbildung von PädagogInnen dar. Soziale Kompetenz drückt sich vor allem durch stimmiges Handeln aus, das aus der Balance von Person und Rolle erwächst.
Stimmigkeit bedeutet nach Schulz von Thun (2011), selektiv authentisch zu sein. Damit ist gemeint, sowohl wesensgemäß – im Einklang mit sich selbst– wie auch situationsgerecht – im Einklang mit den professionellen Aufgaben – zu handeln.
Grundlegend dafür ist eine lern- und entwicklungsfördernde Beziehungsgestaltung, die nach Carl R. Rogers (1988) durch die personzentrierten Haltungen von Akzeptanz, Empathie und Kongruenz gekennzeichnet ist. Daraus folgt für die Kommunikation ein dialogisches und gleichwürdiges Verhalten, das sich in einer gewaltfreien und persönlichen Sprache zeigt (vgl. Juul & Jensen, 2005; Rosenberg, 2007).

Diese angesprochenen Haltungen und Verhaltensweisen bleiben jedoch “vordergründig”, wenn sie lediglich intellektualisierend gelehrt, technologisch eingeübt oder als “pädagogische Imperative” (Wagner, 1987) von außen eingefordert werden (z.B.: „Sie sollen als PädagogIn einfühlsam sein”).
Soziale Kompetenz erwächst vielmehr aus personaler Präsenz von PädagogInnen, durch die sie in professionellen Situationen als authentische Personen „an-wesend, „spürbar“ und „stimmig“ erlebt werden können.

Die Entwicklung personaler Präsenz erfordert allerdings über kognitiv vermittelte Ausbildungsinhalte hinaus im Hintergrund ein Ausbildungskonzept (besser: eine „Ausbildungsphilosophie“), das “im Sinne der Herausforderungen der ganzen Person der Studierenden” (Messner, 2001) auch ganzheitliche und existentiell transformierende Persönlichkeitsentwicklung beachtet und fördert.

Persönlichkeitsförderung wird in einer Reihe von theoretisch begründeten und praktisch erprobten pädagogischen Aus- bzw. Fortbildungsansätzen betont (z.B. in der Gestaltpädagogik, Burow, 1993). Im hier dargestellten Konzept steht der personzentrierte Ansatz von Carl R. Rogers (1988) im Mittelpunkt, der ein konstruktives Menschenbild beschreibt, das auf die Aktualisierungstendenz von Menschen vertraut und die Entwicklung eines erfahrungsoffenen Selbstkonzepts fördert.
Erst aus dem „Selbst, das man in Wahrheit ist“ kann von innen her authentisches, stimmiges und kreatives Verhalten erwachsen, das nicht äußerlich “angelernt” ist (und damit oft “aufgesetzt” wirkt).
Zur Förderung von Offenheit für innere Erfahrungen erachte ich vor allem Angebote zu begegnungsorientierter Selbsterfahrung als hilfreich (z.B. in „Encountergruppen“, Nykl & Motschnig-Pitrik, 2005). In derartigen Veranstaltungen können die TeilnehmerInnen die üblicherweise nur kognitiv vermittelten Beziehungs- und Kommunikationsformen in der Begegnung mit anderen gleichsam „am eigenen Leib“ erfahren. Sie erhalten in einem wachstumsfördernden Lernklima die Möglichkeit, ihre Gefühle zu respektieren, ihre Erfahrungen offen in ihre Person zu integrieren und im Kontakt mit ihrer „inneren Weisheit“ kreativ mit ihrer Umwelt zu interagieren.

Darüber hinaus verweise ich auch auf Angebote aus dem Bereich der Achtsamkeitspraxis, die im hohem Maß präsenzfördernd sind (z.B. Kaltwasser, 2010). Besonders wichtig dürften dabei bewusstheitsfördernde Übungen sein, die anstelle des vorherrschenden aktiven Tuns das “Hinhorchen” auf die inneren Prozesse sowie das Vertrauen in die eigenen Gefühle fördern und dabei das “Loslassen” und “Geschehenlassen” betonen. Diese Übungsangebote verweisen auch auf eine – von Carl Rogers in seinen letzten Lebensjahren angesprochene – spirituelle Ebene, die bisher in Aus- und Forbildungen kaum beachtet wird. (Rogers & Schmid, 1991; Kramer, 2009; Meyer, 2016; Tichy, 2018).

AKTUELLER HINWEIS:
Neue Autorität und Achtsamkeit”
Studientag des Beratungszentrums der Privaten Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz am 22. November 2018 in Puchberg bei Wels. Informationen dazu siehe unter: “beratung.ph-linz.at” / Rubrik “Aktuelles”

Literaturhinweise:
Burow, O.-A. (1993). Gestaltpädagogik. Trainingskonzepte und Wirkungen: Ein Handbuch. Paderborn: Junfermann.
Messner, R. (2001). Szenarien zur Bearbeitung des Theorie-Praxis-Problems in der Lehrerbildung. In: Journal für Lehrerinnen- und Lehrerbildung, 1 (2), S. 10-19.
Nykl, L. & Motschnig-Pitrik, R. (2005). Encountergruppen im Rahmen des ganzheitlichen Lernens an den Universitäten. Motivation, Kontext, Prozesse, Perspektiven. In: Zeitschrift für Hochschuldidaktik 04 / Juni 2005, S. 36-62.
Juul, J. & Jensen, H. (2005). Vom Gehorsam zur Verantwortung. Für eine neue Erziehungskultur (2. Auflage). Weinheim und Basel. Beltz.
Kaltwasser, V. (2010). Persönlichkeit und Präsenz. Achtsamkeit im Lehrerberuf. Weinheim und Basel: Beltz.
Kramer, G. (2009). Einsichts-Dialog. Weisheit und Mitgefühl durch Meditation im Dialog. Freiamt: Arbor Verlag.
Meyer, Chr. (2016). Ein Kurs in wahrem Loslassen. Durch das Tor des Fühlens zur inneren Freiheit. München: Arkana.
Rogers, C. R. (1984). Encountergruppen. Das Erlebnis der menschlichen Begegnung. Frankfurt: Fischer.
Rogers, C. R. (1988). Lernen in Freiheit. Zur inneren Reform von Schule und Universität. Frankfurt: Fischer.
Rogers, C. R. & Schmid, P.F. (1991). Person-zentriert. Grundlagen von Theorie und Praxis. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag.
Rosenberg, M. B. (2007). Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens. (7. Auflage). Paderborn: Junfermann.
Schulz v. Thun, F. (2011). Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. (Sonderausgabe). Reinbek b. H.: Rowohlt.
Tichy, H. (2018). Die Kunst präsent zu sein. Carl Rogers und das frühbuddhistische Verständnis von Mediation.Münster: Waxmann.
Wagner, A.C. (1987). Schülerzentrierter Unterricht. Über die psychologischen Schwierigkeiten, guten Unterricht zu machen. In: Gesellschaft für wissenschaftliche Gesprächspsychotherapie e.V. (GwG) (Hrsg.). Rogers und die Pädagogik (S. 13-78). Weinheim u. München: Juventa.

Stand: 01. 11. 2018

Hubert Teml